Interview mit dem Regisseur:

Wie kommt man zu so einen Minimalismus?
Über den Inhalt. Halbe Stunden ist für mich die Zeit, die wir alleine verbringen. Bevor jemand kommt, nachdem jemand gegangen ist. Ein Raum öffnet sich und wir verlieren uns darin. Dehnt sich die Zeit, kann es bedrohlich werden. So gesehen ist Halbe Stunden ein Thriller über einen ereignislosen Tag.

Wie wichtig war Dir der formale Aspekt in dem Film, die Verwendung von Realzeit, die definierten Kadragen?
Ich wollte eine Art hypnotischen Raum herstellen, zu dem ich den Zuschauer wie zu einem Spaziergang einlade. Hierfür müssen die Bilder in sich eine Spannung haben. Ich mag diesen Effekt, dass man jemanden beobachtet und auch mal die Kamera weiterlaufen lässt, wenn er wieder aus dem Bild ist. Da ist dann etwas Drittes anwesend. Zugleich rutscht der Zuschauer von der Objektive in die Subjektive.

Wie wichtig ist Dir der gesellschaftlich-politische Aspekt des Films? Mir scheint es doch schon auch um die präzise Beschreibung einer bürgerlichen Schicht zu gehen.
Sicher, das ist das Setting des Films. Diese Schicht, in der man sich lieber abkapselt, in der man unter sich bleiben will. Der obere Mittelstand ist damit beschäftigt seinen Besitz zu bewahren - wobei sich ja mittlerweile zeigt, dass sich dies zu rächen scheint. Interessant finde ich aber eher die persönlichen Auswirkungen... dieses permanente schlechte Gewissen, z.B. gegenüber der Haushaltshilfe oder dem Vertreter... die Unfähigkeit sich spontan zu äußern, sondern lieber seinen Status zu behaupten. Ist es nicht absurd, dass es eine rein ästhetische Vorstellung vom Glück gibt?

Die Hauptfigur Melanie zögert immer, wie so eine Vor- und Zurückbewegung. Gibt es eine Entwicklung in Deiner Geschichte?
Das möchte ich nie einer Figur absprechen. Für mich ist der Film nicht bloß eine Einsamkeitsstudie, sondern eher eine Besinnung. Jeder, der z.B. einer künstlerischen Tätigkeit nachgeht, kennt diese einsamen Stunden, die schlicht notwendig für die Arbeit sind, ja die sehr produktiv sein können. Allerdings war mir wichtig, dass die Pfade von Melanie für sie selbst möglichst unbewusst bleiben. Ich habe immer Dinge angenommen, in die Einstellungen hineingedacht, die dann gar nicht eintrafen. Hat es Dich frustriert? Ich hoffe nicht (lacht). Rote Heringe, überall. Nein, nein, es bleibt doch ganz einfach und konkret. Ich mag dieses Evozieren von Fragen durch Weglassen von Zusammenhängen. Das machen ja andere Filmemacher noch viel extremer. Ich bleibe da ganz brav an meiner Hauptfigur dran. Sie lebt im Konjunktiv und viele Handlungen bleiben eben ein Gedankenspiel.

Bei einem Gespräch in der Hamburger Kinemathek über Psyche im Film hat Herr Dr. Hinderk Emrich folgendes über Deinen Film geschrieben, ich zitiere: »Psyche bedeutet auch das Wirklichkeitsschaffende, die Realitätserzeugung. »Jedes Ding hat seine Würde« sagt Rainer Maria Rilke. In dem Kurzfilm Halbe Stunden geht es genau darum, um das konkret Konkrete, das die Psyche sich erschafft. Es geht um einen Raum der Rituale des Tatsächlichen.«
Könnte ich mir das bitte noch mal in Ruhe durchlesen? (lacht) Bin mir nicht sicher, ob ich das ganz verstanden habe... Mich beschäftigt nachhaltig die Frage wie man mit filmischen Mitteln zeigen kann, was im Innersten verborgen bleibt. Das Bewusstsein, dass ein Großteil des Lebens in uns stattfindet und keiner davon weiss, stimmt mich immer traurig, weil es letztlich doch immer um die Frage geht, wie nah du einem anderen Menschen sein kannst.

Das Gespräch führte Hannes Bohrweil mit Nicolas Wackerbarth während den Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen am 5. Mai 07

Director's Interview:
Short summary of an interview with Nicolas Wackerbarth at the »Internationale Kurzfilmtage Oberhausen«

Half Hours, the title refers to the time you have for yourself, before somebody comes or after somone has left. During that time a space can open up, where you could lose yourself. Especially if this state holds on for a long time, it could even become a threat. In these terms Half Hours is a thriller about a uneventful day.

By reducing the plot to the minimum and by using (real-time) long shots, the film creates a hypnotic space to which I want to invite the viewer as if it were a walk in the park. That way, I try to make visible what is usually withdrawn from our view.

We all know how many aspects of life take place within ourselves, unbeknown to others. This always makes me sad, because in the end the question is, how close we can get to each other.

Nicolas Wackerbarth